Die Blockchain und dezentrale Applikationen

25. Mai 2020 - von Pascal Marco Caversaccio

Editor's note: Mit Pascal Marco Caversaccio steht Apps with love ein absoluter Profi und Blockchain-Enthusiast als Blockchain-Berater zur Seite. Als Mitgründer und Vorsitzender des ehemaligen Schweizer Fintech Unternehmens Alethena, welches sich auf Blockchain-Anwendungen spezialisiert hatte, kann er auf reichlich Erfahrung in diesem Bereich zurückgreifen. Sein Wissen teilt er nicht nur mit dem Apps with love Team im Rahmen von internen Brown Bag University Sessions, sondern auch mit unserer werten Leser*innenschaft. Gerne präsentieren wir hiermit den ersten Apps with love Blockchain-Blog!


dApps = Apps 2.0?

Alle kennen Apps. Wenn ich frage, was eine App ist, kann jede*r mit einfachen Worten erklären, wo ich nach Apps suchen kann, also zum Beispiel im App Store oder dem Google Play Store, wie ich sie herunterladen kann und wofür ich eine bestimmte App verwenden kann. Apps sind heute allgegenwärtig und es gibt buchstäblich für fast alles eine App - there's an app for that!

Es sollte also alles in Ordnung sein, oder? Nun, Drittanbieter-Plattformen wie der Google Play Store oder der App Store sind sehr einflussreich und können eine App innerhalb von Sekunden entfernen (z. B. wenn sie nicht regel-konform ist). In gewissen Fällen hat dies natürlich seine berechtigten Gründe wie etwa dieser kürzlich geschehene Vorfall zeigt: Google hat 600 Apps aufgrund störender Anzeigen aus dem Play Store entfernt. Dennoch bleibt auch für legitime Apps ein Risiko.

Die Drittanbieter verlangen von den Entwicklern ausserdem Gebühren für das Hosting und erzielen große Gewinne aus den Verkäufen. Apple beispielsweise erhält 30 % aller Einnahmen aus App und In-App-Käufen. Ein weiteres Problem kann entstehen, wenn der Provider die App abschaltet und man keinen Zugriff mehr hat oder die App z.B. aufgrund von Backend-Problemen technische Ausfallzeiten hat. Insbesondere Ausfallzeiten können für das Unternehmen und die Kunden sehr kostspielig werden.

Jetzt stell Dir etwas Verrücktes vor: Apps, die niemandem gehören, nicht heruntergefahren werden können und keine (technische) Ausfallzeiten haben. Klingt wie Wunschdenken, nicht wahr? Ist es aber nicht! Solche neuen Arten von Applikationen werden derzeit weltweit diskutiert und entwickelt. Sie werden "dezentrale Applikationen" oder einfach nur “dApps” genannt. Mit anderen Worten: dApps sind blockchainbasierte* Apps. Man könnte also von Apps 2.0 sprechen.

*Der Einfachheit halber verwende ich die Begriffe Blockchain- und Distributed-Ledger-Technologie (DLT) austauschbar in diesem Artikel. Im Allgemeinen ist eine Blockchain jedoch nur eine der vielen Arten von Datenstrukturen, die ein sicheres und gültiges Erreichen eines verteilten Konsenses ermöglichen (vgl. IOTA für eine nicht blockchainbasierte Distributed-Ledger-Technologie).


Die Technologie

Um die Möglichkeiten von dApps zu verstehen, muss man zunächst die zugrunde liegende Distributed-Ledger-Technologie (DLT) verstehen. Ich bin ziemlich sicher, dass Du bereits von Bitcoin gehört hast, der öffentlich verunglimpften Kryptowährung, die unsere moderne Geldpolitik zerstören wird 😉. Der Einfachheit halber gehe ich hier bewusst nicht im Detail auf die Auswirkungen von Kryptowährungen ein, aber mir ist wichtig zu betonen, dass Bitcoin nur eine Erweiterung oder Anwendung der Blockchain-Technologie selbst ist. Daher kann Bitcoin als die erste dApp überhaupt betrachtet werden.

Was ist also eine Blockchain? In einfachen Worten ausgedrückt ist eine Blockchain ein global verteiltes Hauptbuch, das Transaktionen aufzeichnet und über einen robusten Konsensmechanismus kryptographisch gesichert ist. Immer noch zu kompliziert? Keine Sorge, eigentlich braucht man sich nur daran zu erinnern, dass es sich um eine Datenbank handelt, die dezentral auf der ganzen Welt verteilt ist. Es gibt also keine zentrale Partei, die diese neue Art von Datenbank einfach abschalten kann.

Das wirklich Grossartige an dieser neuen Technologie ist, dass sie alle oben genannten Probleme von drittanbieterabhängigen Anwendungen löst. Sobald die dApp auf der DLT bereitgestellt wird, läuft sie einfach für immer.

Lass uns kurz formulieren, welche Art von Kriterien eine dApp erfüllen muss:

  1. Der Quellcode muss Open-Source sein,
  2. Die Blockchain muss dezentralisiert sein,
  3. Die Anwendung selbst muss einen Anreiz bieten um sich selber aufzuladen (z.B. Token),
  4. Dieser Anreiz muss mit Hilfe eines Protokolls/Algorithmus erzeugt werden.

Wenn eine App nicht alle diese Kriterien erfüllt, handelt es sich nicht um eine dApp!


Beispiele aus der Ethereum-Blockchain

Genug mit der Theorie, lass uns einige Beispiele untersuchen. Dabei konzentriere ich mich auf die Ethereum-Blockchain, die durch ihr Design (d.h. die turing-komplette Programmiersprache) einen natürlichen Nährboden für dApps bietet. Außerdem sind dApps durch intelligente Verträge im Ethereum-Netzwerk vertreten.

CryptoKitties: eine berühmte Gaming-dApp, die es Spieler*innen ermöglicht, virtuelle Katzen zu kaufen, sammeln, züchten und zu verkaufen.

CryptoKitties

Uniswap: ein Protokoll für den automatisierten Token-Austausch auf Ethereum.

Uniswap

Augur: eine dezentralisierte Prognosemarkt-Plattform, die auf Ethereum läuft. Im Wesentlichen können die Benutzer*innen auf die Ergebnisse zukünftiger Ereignisse wetten, indem sie Ether (die native Krypto-Währung von Ethereum) oder REP (die native Krypto-Währung von Augur) verwenden.

Augur

Klassifikationen von dApps

Es gibt mehrere Merkmale, nach denen dezentralisierte Applikationen klassifiziert werden können. Gemäss einem bekannten White Paper gibt es drei Arten von dApps:

  • Typ I: Dezentralisierte Anwendungen haben ihre eigene Blockchain. Das Vorzeigebeispiel für diesen Typ wäre Bitcoin.
  • Typ II: Dezentralisierte Anwendungen verwenden die Blockchain einer dApp vom Typ I. Die Augur-Plattform ist ein Beispiel für eine dApp vom Typ II, da sie die Ethereum-Blockchain nutzt.
  • Typ III: Dezentralisierte Anwendungen verwenden das Protokoll einer dApp vom Typ II. dApps vom Typ III sind Protokolle und haben Token, die für ihre Funktion notwendig sind. Ein Beispiel für eine dApp vom Typ III ist das SAFE Network, das das Omni Protokoll zur Ausgabe von "Safecoins" verwendet, mit denen verteilte Dateispeicherung erworben werden kann.

Eine nützliche Analogie für eine dApp vom Typ I ist ein Computer-Betriebssystem (z.B. Windows, Linux), für eine dApp vom Typ II ein allgemeines Softwareprogramm (z.B. Microsoft Office 365, Dropbox) und für eine dApp vom Typ III eine spezialisierte Softwarelösung (z.B. ein Seriendruck-Tool, das ein Textverarbeitungsprogramm verwendet oder ein Spesenabrechnungsmakro, das eine Tabellenkalkulation verwendet).


Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dApps eine breite Palette von Anwendungen bieten können, ohne die vielen Risiken einer normalen App. Derzeit gewinnt die "dezentrale Finanzierung", oder kurz DeFi, an Momentum. DeFi ist eine aktuelle Bewegung, die DLT nutzt, um alte Finanzprodukte in vertrauenswürdige und transparente Protokolle umzuwandeln, die ohne Vermittler laufen. Oder im Klartext: Apps, die Bankdienstleistungen (z.B. Kredite) ohne das Erfordernis einer Banklizenz anbieten. Diese Bewegung ist jedoch nicht das Ende der Geschichte, sondern der Beginn einer möglichen digitalen Revolution. Sei vorbereitet und mach Dich dApp-fähig!


Edit 19.10.2020: Der zweite Teil dieser Miniserie ist jetzt auch online: Wie man einfach einen Smart Contract auf Ethereum bereitstellt

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