Berufe im Wandel: Warum wir trotz KI nicht auf Autopilot schalten

29. April 2026 - von Till Könneker

In den letzten drei Jahren hat sich unsere Arbeitswelt schneller transformiert als in den drei Jahrzehnten zuvor. Während KI-Agenten heute die technische Umsetzung ganzer Projekte übernehmen können, wandelt sich unsere Rolle stetig von der fachspezifischen Ausführung hin zur strategischen Orchestrierung – wir entscheiden, was in einer automatisierten Welt wirklich Relevanz besitzt.

Wir müssen ehrlich zu uns selbst sein: KI trifft auf eine Spezies, die biologisch auf Energieeffizienz – oder schlichtweg Bequemlichkeit – programmiert ist. Viele haben kaum noch Telefonnummern oder Geburtstage im Kopf; wir lagern unser Gedächtnis an Maschinen aus. Wenn die KI jede Antwort sofort liefert, riskieren wir, den «Muskel des Verstehens» zu verlieren.

Für uns als Gestalter*innen, Entwickler*innen und Strateg*innen ist die entscheidende Frage, wie wir unsere Rolle in einer Arbeitswelt definieren, in der Maschinen denken, planen und umsetzen. Mitarbeitende ohne KI-Zugang geraten hingegen immer mehr ins Abseits.

83 Mio. vs. 69 Mio. Jobs: Laut dem World Economic Forum (WEF) Future of Jobs Report werden in diesem Transformationszyklus weltweit 83 Millionen Stellen wegfallen, während 69 Millionen neue Rollen (vor allem im Bereich KI-Management und Datenkuratierung) entstehen.

375 Mio. Menschen im Wandel: Das McKinsey Global Institute schätzt, dass bis zu 375 Millionen Menschen weltweit ihre gewohnten Berufsfelder verlassen oder grundlegend neu erlernen müssen.

30% Automatisierungspotenzial: Bis 2030 sind laut McKinsey Global Institute bereits 30% der heute geleisteten Arbeitsstunden durch KI automatisierbar.

60% der Berufe wandeln sich: Die OECD stellte fest, dass 60% aller Berufe wesentliche Aufgaben enthalten, die effizienter von KI erledigt werden können – was das Berufsbild von Grund auf verändert, statt den Job komplett zu löschen.

Human in the Loop

Echte Bildung entsteht durch den mühsamen Prozess des Suchens und Verstehens. KI sollte daher nicht der Ersatz für das eigene Denken sein, sondern muss ein Werkzeug bleiben, das uns beim Denken unterstützt. Da KI ein Spiegel unserer Daten, Werte und Entscheidungen ist, bleibt der «Human in the Loop» wichtig. Wir tragen auch die Verantwortung für die Datenqualität, mit der Systeme lernen.

Meine Prognose: Menschliche Inhalte werden seltener und dadurch massiv an Wert gewinnen. Wir werden vermehrt Labels für «Human Content» sehen, Qualitätssiegel für Inhalte, die in einem menschlichen Bewusstsein entstanden sind und nicht rein statistisch errechnet wurden.

KI generiertes Label für durch Menschen generierte Inhalte

Die neue Währung: Empathie und Verantwortung

Organisationen, die 2026 erfolgreich sind, werden nicht die sein, welche die meisten KI-Produkte «rausballern». Es werden diejenigen sein, die verstehen, wo menschliches Urteilsvermögen unerlässlich ist.

The Responsibility Gap: Gartner prognostiziert, dass die Haftungsfrage das grösste Risiko bleibt. Die Verantwortung für das Ergebnis von KI generierten Produkten oder Inhalten bleibt zu 100% beim Menschen. Hier entsteht der wahre Wert: In der moralischen Einordnung und der Risikoabwägung.

Kritisches Denken als Differenziator: Microsoft warnt in einer Studie von 2025 vor der «Denkfaulheit»: Da die kritischen Analysefähigkeiten durch die ständige KI-Nutzung verkümmern, führen erste Unternehmen bereits wieder «KI-freie» Kompetenztests ein. Auch Gartner mahnt zur Vorsicht: Wer KI lediglich als «Zaubermittel» einsetzt, statt sie als Werkzeug zu begreifen, riskiert einen massiven Rückschritt in der eigenen Expertise.

Kreativität als Intuition: Während KI perfekt rekombiniert, bleibt die «echte» Kreativität – der bewusste Bruch mit Mustern – ein menschliches Monopol. Echte Empathie ist das, was die KI schwer authentisch simulieren kann.

KI im Entwicklungsprozess

Die tiefgreifenden Veränderungen betreffen nicht nur einzelne Rollen, sondern unser gesamtes Fundament als Agentur. Wir verstehen KI heute weniger als isoliertes Tool, sondern als kontextbasiertes Betriebssystem. Unser Ziel ist die Transformation weg von einer fragmentierten Dokumentenablage hin zu einem intelligenten Wissensgraph, der alle Projekte des Unternehmens umfasst und uns mit ihnen interagieren lässt.

Der qualitative Mehrwert für unsere Kund*innen

KI macht Projekte bei Apps with love nicht einfach nur «günstiger» – sie ermöglicht zusätzliche Präszision und Nutzungszentrierung. Wir nutzen KI-Komponenten, um mögliche Lücken zwischen Konzeption und technischer Realisierung zu schliessen:

Constraints als Code: Wünsche von Kund*innen oder User Research Erkenntnisse werden als Anforderungen direkt in den Entwicklungsprozess eingespiesen. Das stellt sicher, dass die Vision des Konzepts bis in den fertigen Code hinein erhalten bleibt.

Frühe Validierung: Dank unserer integrierten KI-Workflows können wir bereits in den ersten Kundenmeetings funktionale Produkt-Prototypen präsentieren, die mit echtem Content und Logik arbeiten. Wir diskutieren nicht mehr über abstrakte Wireframes, sondern über erlebbare Produkte.

Echtzeit-Iteration: Erkenntnisse aus Usability-Tests können wir oft noch während der Testphase in das Produkt einfliessen lassen. Diese Agilität steigert die Ergebnisqualität messbar und minimiert das Risiko von Fehlentwicklungen.

Das «Ende» des Prototypen und das Prinzip des wachsenden Produkts

Die Sorge, dass Claude Design Werkzeuge wie Figma überflüssig macht oder Designer*innen ersetzt, verkennt die eigentliche technologische Verschiebung. Figma bleibt bei uns bis auf weiteres das zentrale Werkzeug für die strategische Gestaltung und die User Experience. Designer*innen können sich nun noch mehr auf die Nutzungspsychologie, die logischen Abläufe und die Definition des Design-Systems konzentrieren. Claude Design fungiert in diesem Gefüge als das technologische Bindeglied, das Designdaten ohne Umwege in funktionalen Code übersetzt. Damit entfällt der klassische, oft verlustbehaftete Handoff zwischen Design und Entwicklung, da die gestalterische Intention direkt in die technische Realität überführt wird.

Dieser Workflow verändert das Wesen der digitalen Produktentwicklung fundamental. Wir entwickeln nicht mehr erst einen statischen Prototypen als isoliertes Wegwerfprodukt, um danach mit der eigentlichen Programmierung wieder bei Null anzufangen. Stattdessen entsteht von Beginn an ein wachsendes Produkt auf einer stabilen Code-Basis. Der erste funktionale Entwurf ist bereits technisch belastbar und wird stufenweise erweitert, bis er die Marktreife erreicht. Dies reduziert die doppelte Arbeit der technischen Rekonstruktion von Design-Vorlagen und stellt sicher, dass das Endprodukt der validierten Vision entspricht.

Die Evolution der Rollen: Vom Umsetzen zum Entscheiden

Wer heute im Tech-Bereich arbeitet und keine KI nutzt, wird es zunehmen schwer haben, wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir alle sind heute AI-Assisted Creators, doch die Expertise hat sich verlagert:

Von Code zur System-Architektur

Früher haben Entwickler*innen oft ihre ganze Zeit damit verbracht, Code zu schreiben. Heute wird jedoch ein grosser Teil des Standard-Codes von Programmen wie Claude Code oder spezialisierten Agentic-Workflows automatisiert erstellt.

Die neue Verantwortung: Unsere Frontend- und Backend-Expert*innen sind heute eher Architekt*innen. Sie entscheiden über die Interaktion komplexer Strukturen, die Skalierbarkeit und vor allem die Sicherheit. In einer Welt voller generiertem Code wird der Mensch zum obersten Qualitätswächter, der die «Logik-Haftung» übernimmt.

Föderierte Expertise: Der Zugang zu Wissen hat sich auch dank KI immer mehr demokratisiert. Es gibt nicht mehr eine Lead-Entwicklerin, die alles Wissen bündelt. Wir agieren als Team, in dem jede Stimme zählt. Schon vom ersten Tag an lernen auch «Juniors», KI-Systeme gezielt anzuleiten und Systemzusammenhänge kritisch zu hinterfragen und zu analysieren.

23% Agenten-Integration: Laut dem Deloitte State of AI Report 2026 haben bereits fast ein Viertel aller IT- und Design-Agenturen autonome KI-Agenten fest in ihre Kernprozesse (z. B. Testing, Prototyping) integriert.

95% Code-Generierung: Laut GitHub wird in den nächsten 5 Jahren 95% des funktionalen Codes von KI-Systemen wie Claude Code oder Copilot generiert werden.

Vom Design zur Visual Curation & Experience Design

Die Rolle von Konzeption und Beratung wird immer wichtiger. Wir erhalten heute mit Hilfe der künstlichen Intelligenz Icons, Layout-Varianten und Moodboards in Sekunden. Unsere Aufgabe bleibt der geschulte Blick, sie verschiebt sich aber immer mehr Richtung visuelle Kuration.

Im Designprozess nutzen wir die künstliche Intelligenz als wichtige Hilfe für Inspiration und zur schnellen Umsetzung von Ideen. Figma-Dateien dienen dabei als zentrales Regelwerk. Anhand dieser Vorgaben kann die KI unsere Produkte konsistent und funktionsgetreu erstellen. Durch jede Iteration, jede Kontexterweiterung entwickelt sich das Produkt bis zur Marktreife weiter.

Im Testing können die Testpersonen ein digitales Produkt erleben, das sich kaum von einer finalen Version unterscheidet. Gleichzeitig behalten wir jederzeit die Möglichkeit, gewonnene Erkenntnisse in Echtzeit anzupassen, sofort erneut zu testen oder direkt mit Kund*innen und Entwickler*innen zu besprechen.

Wandel: Assets wie Icons, vielfältige Layout-Varianten und Moodboards sowie interaktive Prototypen bilden die Grundlage unserer Designarbeit. Dabei setzen wir auf einen modernen und effizienten Technologie-Stack: 

Als zentrales Tool nutzen wir Figma für das kollaborative Design und die Erstellung der grafischen Assets und Interfaces. Zur Beschleunigung und Optimierung von Code-basierten Designelementen und Logik-Implementierungen kommt aktuell Claude Design und Claude Code zum Einsatz. Darüber hinaus integrieren wir spezialisierte Agents um repetitive Aufgaben zu minimieren, die Konsistenz über verschiedene Plattformen hinweg zu gewährleisten und eine kontinuierliche, datengetriebene Verbesserung des Produktes zu ermöglichen.

Dieser integrierte Ansatz stellt sicher, dass Design-Assets und das wachsende Produkt von Anfang an hochgradig funktional, technisch realisierbar und optimal auf die Bedürfnisse der Nutzergruppen abgestimmt sind.

User Interface Skizze für eine App bei Apps with love
User Interface Skizze für eine App bei Apps with love
Obschon im Design vermehrt KI zum Einsatz kommt, wird das konzeptionelle Fundament zu Beginn nach wie vor häufig von Hand erarbeitet.

«Je mehr Technik übernimmt, desto wichtiger wird, was und warum wir gestalten.»

Die Zukunft der Arbeit: Lifelong Learning und die Sinn-Gesellschaft

Die «KI-Angst» hat sich zur «KI-Chance» gewandelt. Lifelong Learning ist bei Apps with love kein Schlagwort, sondern Teil des Alltags. Lernen ist kein Event mehr, sondern ein integraler Bestandteil des Arbeitstages.

Wir bewegen uns von einer Erwerbs- hin zu einer Sinngesellschaft. Wenn wir nicht mehr arbeiten müssen, rückt der Beitrag zur Gemeinschaft ins Zentrum. Werden wir eine Renaissance des Ehrenamts erleben, der Kunst und dem Fokus auf persönlichen Interessen?

Empathie, Kreativität und Verantwortung: Sie bleiben meiner Meinung nach unsere wichtigsten Aufgaben.

Kompetenzen in der KI-Gesellschaft

Bildung und die neuen Grundkompetenzen
KI-Kompetenz muss zur neuen Grundkompetenz werden und wie Lesen und Schreiben, bereits früh im Schulunterricht behandelt werden.

  • Reflektierte Nutzung: KI-Werkzeuge beim Lernen nicht verbieten, sondern als Sparringpartner für kritisches Denken und Ethik-Diskussionen verstehen.

  • Kreative Resilienz: Fokus auf Kompetenzen, die Maschinen nicht kopieren können: Intuition und Empathie.

Arbeit und die gesellschaftliche Resilienz
Starre Berufsprofile haben keine Zukunft. Was zählt, ist die kontinuierliche Anpassungsfähigkeit.

  • Skills-First: Förderung neuer analytischer und kreativer Berufsfelder durch agile Ausbildungsmodelle.

  • Adaptive Systeme: Lebenslange Weiterbildungssysteme, die sich schnell anpassen und mit der Entwicklung Schritt halten.

Sicherheit und die digitale Ethik
Wir müssen die Fähigkeit schärfen, Manipulationen, Deepfakes und KI-Halluzinationen instinktiv zu erkennen.

  • Transparenz fordern: Konsequenter Einsatz von KI-Labels, Wasserzeichen und Fact-Checking-Tools.

  • Verantwortung teilen: Entwickler*innen, Plattformen und Nutzende müssen gemeinsam für eine ethische Datenkultur einstehen.

Arbeit ist nicht nur Einkommen, sondern auch Struktur, Identität und Teilhabe

Der Wandel wirft auch gesellschaftliche Fragen auf: Wie funktioniert eine Gesellschaft in der Routinejobs entfallen, in der gewisse Strukturen, Identitäten und Gemeinschaftsgefühle verschwinden? Wie definieren wir Sinn jenseits von Erwerbstätigkeit?

Wir erinnern uns, 2017 war die Schweiz das erste Land, das über ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt hat. Schweizweit haben 23.1% der Vorlage zugestimmt. Die Chance für den Wandel der Arbeitswelt bereit zu sein wurde damals verpasst. Dies war aber noch vor der KI-Revolution.

Bekannte Stimmen in der Zukunftsforschung argumentieren, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen sinnvoll oder gar notwendig wird, um die Gesellschaft in Zeiten von Automatisierung und KI zukünftig aufrecht zu erhalten.

Kampagne zur Abstimmung über das Grundeinkommen 2017
Die Schweiz hatte 2017 die Chance, Vorreiterin beim Grundeinkommen zu werden - Foto von der Kampagne

Ausblick: Der Wegfall von Routine-Arbeit ist kein Ende, sondern kann eine Befreiung sein. In einer Welt, in der die Realisierung einer Idee oft nur einen Klick entfernt ist, stellt sich die entscheidende Frage:

Worin liegt der unersetzliche, einzigartige Wert, den du – und nicht eine KI – in ein Projekt einbringen kannst?

Wir unterstützen dich rund um das Thema KI und digitale Produkte

Der Wandel ist rasant, doch wir teilen unsere Erfahrung gerne. Wir begleiten Unternehmen dabei, KI nicht nur als Effizienz-Tool zu sehen, sondern als Enablerin für bessere Produkte und Prozesse.

KI-Strategie-Workshops: Wir identifizieren die Hebel für dein Unternehmen und helfen bei der Implementierung.

Workflow-Optimierung: Wir zeigen deinem Team den Weg vom «Machen» ins «Orchestrieren».

Product Enhancement: Wir entwickeln KI-Features, die echten Nutzerwert schaffen.

Teste deine Produkte: Wir entwickeln funktionale Prototypen und ein strukturiertes User Testing.

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