Kompass Integration - Arbeitsinstrumente für die Integrationsarbeit

8. Januar 2026 - von Maya Walther

Was braucht es, damit persönliche Integrationsmöglichkeiten und -prozesse von geflüchteten Personen für alle Beteiligten verständlicher und übersichtlicher werden? Diese Frage stand am Anfang unserer Zusammenarbeit mit inklus.io rund um das Projekt «Kompass Integration». 

Wie wir, sind auch die Initiant*innen des Projektes der Meinung, dass (digitale) Produkte dann am meisten Mehrwerte schaffen, wenn die Endnutzer*innen im Entstehungsprozess involviert werden. Deshalb wurde ein interdisziplinäres Team zusammengestellt, das in einem kollaborativen Prozess Ideen entwickelte, prototypisierte und testete, um so Arbeitsinstrumente zu schaffen, die den Bedürfnissen der am Integrationsprozess beteiligten Personen gerecht werden. 

In diesem Blogpost geben wir euch einen Einblick in den Entstehungsprozess des «Kompass Integration».

Ausgangslage für das Projekt «Kompass Integration»

Jährlich stellen in der Schweiz zwischen 20’000 und 30’000 Geflüchtete ein Asylgesuch. Etwa 60% davon erhalten Schutz und bleiben langfristig in der Schweiz. 
Das Erlangen finanzieller Unabhängigkeit ist danach kein einfacher und vor allem ein langer Prozess. Rund 4 von 5 geflüchteten Menschen sind während mehreren Jahren auf Sozialhilfe angewiesen. Um finanziell auf eigenen Beinen stehen zu können, müssen sie sich Sprachkenntnisse und Schlüsselkompetenzen für das Leben in der Schweiz aneignen und brauchen anerkannte Ausbildungen.

Dieser Weg der Integration gelingt dann am besten, wenn Geflüchtete, Sozialarbeitende und Jobcoaches gemeinsam an denselben Zielen arbeiten und sich klar über Erwartungen und nächste Schritte verständigen können. Dazu fehlen heute oftmals unterstützende Arbeitsinstrumente. Hier setzt der Kompass Integration an.

Der Kompass Integration ist ein Pilotprojekt von inklus.io, das in der ersten Projektphase in Zusammenarbeit mit den Kantonen Basel-Stadt, Bern, Graubünden und Luzern sowie dem Staatssekretariat für Migration (SEM) durchgeführt wird. 

Apps with love ist als Umsetzungspartnerin mitverantwortlich für die Konzeption und Entwicklung der Arbeitsinstrumente. Weiterer Umsetzungspartner ist der Illustrator Patrick Oberholzer.

Die Gestaltung des Integrationsprozesses

2019 haben sich Bund und Kantone auf eine gemeinsame Integrationsagenda (IAS) geeinigt. Damit wurden verbindliche Ziele und Prozesse definiert, um geflüchtete Personen und vorläufig Aufgenommene rascher zu integrieren und ihre Abhängigkeit von der Sozialhilfe zu reduzieren. 

Zuständig für die Umsetzung von Massnahmen zur Förderung der Integration sind die Kantone. Sie sorgen beispielsweise dafür, dass geflüchtete Personen Zugang zu Informationen und Beratung bezüglich Sprachkursen, Bildungsangeboten und dem Arbeitsmarkt haben.

Ein Kernelement der Integrationsagenda ist die «durchgehende Fallführung». Sie bezeichnet die umfassende Begleitung einer Person ab der Einreise in einen Kanton, auf dem Weg zur sprachlichen, beruflichen und sozialen Integration.
Die durchgehende Fallführung soll, trotz sich teilweise überlagernder oder zeitlich unterschiedlich befristeten Zuständigkeiten, die Kontinuität, Bedarfsgerechtigkeit und Zielorientierung der Erstintegration gewährleisten. 

Grafik durchgehende Fallführung
Integrationsagenda Schweiz, Bildquelle Staatssekretariat für Migration

Fallführende Personen klären gemeinsam mit ihren Klient*innen deren Integrationsperspektiven und planen den individuellen Integrationsprozess. Sie koordinieren und dokumentieren die Zusammenarbeit mit Klient*innen und weiteren Beteiligten wie z.B. Jobcoaches, Gesundheits- oder Bildungsfachpersonen. Die fallführende Person analysiert die Ausgangslage der Klient*innen und erstellt Vorschläge für nächste Schritte im Integrationsprozess.
Die Klient*innen sind für das Erreichen der individuellen Integrationsziele verantwortlich. Sie kommunizieren selbständig mit relevanten Ansprechpersonen und informieren die fallführende Person über Neuigkeiten. In regelmässigen Abständen wird die Zielerreichung überprüft, dokumentiert und weitere Massnahmen geplant.

Die Idee hinter dem Kompass Integration - warum es neue (digitale) Hilfsmittel in der Integrationsarbeit braucht

inklus.io beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Fallführung im Asylbereich. Dabei wurde im Austausch mit Fallführenden und geflüchteten Personen festgestellt, dass geeignete Arbeitsinstrumente fehlen, mit denen Fachpersonen ihren Klient*innen Ziele und Erwartungen zielgruppengerecht vermitteln, nächste Schritte planen und den Prozess übersichtlich und verständlich abbilden können. 

Ziel ist es, geeignete Hilfsmittel zu schaffen, die die gemeinsame Gestaltung, Planung und Umsetzung des Integrationsprozesses optimal unterstützen und begleiten: Der Kompass Integration soll für mehr Orientierung im Integrationsprozess und bessere Verständigung zwischen fallführenden und geflüchteten Personen sorgen.

Verschiedene Arbeitsinstrumente innerhalb des Kompass Integration sollen dafür sorgen, dass

  • das Sprechen über die Integration vereinfacht wird

  • Integrationsperspektiven und -prozesse transparenter und besser nachvollziehbar werden

  • die Zusammenarbeit zwischen fallführenden und geflüchteten Personen vereinfacht wird

  • Lebensbereiche sichtbar werden, in denen ein aktiver Beitrag zur Integration geleistet werden kann

  • sich Geflüchtete vermehrt selbständig informieren und in die Gestaltung des Integrationsprozesses einbringen können 

Die Arbeitsinstrumente werden entlang des Kernprozesses der durchgehenden Fallführung konzipiert.

Über inklus.io 

Inklus.io - das sind Annina Indermühle und Beat Habegger. Als Kollektivgesellschaft bieten sie Dienstleistungen im Themenbereich Integration-Arbeit-Bildung-Digitalisierung an. 

Seit mehreren Jahren beschäftigen sich Beat und Annina mit der Fallführung im Asyl- und Flüchtlingsbereich. Dabei kam immer wieder ein zentrales Problem zum Vorschein: Es fehlen zielgruppengerechte Instrumente, die Fachpersonen und Klient*innen dabei unterstützen, den Integrationsprozess zu planen und gemeinsam über Ziele und Erwartungen zu sprechen. So kam die Idee, ein Tool zu entwickeln, welches sowohl die Arbeit von Fallführenden wie auch die Mitsprache der Klient*innen unterstützt.

Schrittweises Vorgehen im interdisziplinären Team

Um sicherzustellen, dass der Kompass Integration und die darin enthaltenen Arbeitsinstrumente den Bedürfnissen von fallführenden und geflüchteten Personen entsprechen, wurden Lösungsansätze in einem interdisziplinären Team mit Fachleuten aus Sozialarbeit, Integrationsförderung, Softwareentwicklung und Design entwickelt. 

In mehreren Workshops wurden mittels Human Centered Design Methoden mögliche Ansätze konzipiert. Die Lösungsideen wurden schrittweise weiterentwickelt, bewertet und priorisiert und mehrfach mit diversen Fachleuten gespiegelt.

Inklus.io hat die Workshops organisiert und geleitet, wir von Apps with love haben diese in der Rolle der Softwareentwicklungs-, UX- und Design- Expertin begleitet und mit Blick auf technische Machbarkeit und userzentriertes Design Inputs gegeben. 

Im ersten Workshop wurden die vorhandenen Grundlagen (Prozess der durchgehenden Fallführung, Handlungsfelder und mögliche Lösungsansätze) mit den Sichtweisen der Teilnehmenden angereichert und ergänzt. 

Ziel des ersten Workshops war es, die Sichtweisen der verschiedenen Akteur*innen zusammenzubringen: Was sind Handlungsfelder für mögliche Arbeitsinstrumente? Wie werden diese heute gestaltet? Wie wird über Integration gesprochen? Welche Erfahrungen machen geflüchtete Personen? Was sind Erfolgsfaktoren? 

Verschiedene Ideen für Arbeitsinstrumente wurden vorgestellt. Die Teilnehmenden konnten ihre persönliche Einschätzung vornehmen und Ideen für die Weiterentwicklung einbringen. Die Ergebnisse wurden im Plenum diskutiert. Anschliessend wurden die verschiedenen Ideen bewertet und priorisiert. 

Personen stehen und sitzen rund um einen Tisch, sammeln auf Post-its Ideen und diskutieren
Personen stehen und sitzen rund um einen Tisch, sammeln auf Post-its Ideen und diskutieren
Eine Person erklärt, was auf einem Blatt Papier, das auf einem Tisch liegt, steht. Weitere Personen stehen rund um den Tisch und hören zu.
5 Personen sitzen draussen rund um einen Tisch und reden. Auf dem Tisch befinden sich Post-its.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Workshop haben wir aus den entwickelten Ideen erste Prototypen auf Wireframe-Basis gestaltet. Diese wurden im zweiten Workshop getestet, um zu überprüfen, ob die eingeschlagene Richtung stimmt. Erst danach wurden die Prototypen anhand der eingegangenen Rückmeldungen weiter ausgearbeitet. 

Verschiedene Arbeitsinstrumente als Outcome

Entstanden sind Prototypen verschiedener Arbeitsinstrumente, die nach weiteren Validierungs- und Feedbackrunden ausgearbeitet und umgesetzt werden können. Anschliessend können sie in Beratungsgesprächen und zur Vor- und Nachbereitung eingesetzt werden.

Integrationslandschaft

Die Integrationslandschaft visualisiert das Themenfeld Integration generisch und zeigt die verschiedenen Lebensbereiche auf, in denen Integration stattfindet. Die Integrationslandschaft führt ausserdem die Bildsprache ein, die in den Arbeitsinstrumenten aufgenommen wird.

Integrationslandschaft - illustriert Lebensbereiche in denen Integration stattfinden kann
Integrationslandschaft illustriert von Patrick Oberholzer

Illustriert wurde die Integrationslandschaft und alle daraus hervorgehenden Bildkomponenten von Patrick Oberholzer. Er ist selbständiger Illustrator und Autor und setzt sich in seiner Arbeit auch mit Geschichten von geflüchteten Personen auseinander. In seinem Buch «Games», einem dokumentarischen Comic, erzählt er die Erlebnisse von fünf Menschen aus Afghanistan vor, während und nach der Flucht. 

Annina und Beat von inklus.io sind durch das Buch auf Patrick Oberholzer aufmerksam geworden und haben ihn für die Illustration der Bildwelt des Kompass Integration angefragt.

«Wege zur Integration»

Fallführende und geflüchtete Personen formulieren in Beratungsgesprächen individuelle Ziele in den Bereichen Spracherwerb, Bildung und Arbeit. Mit dem Tool «Wege zur Integration» können verschiedene Wege zu diesen Zielen visualisiert werden. Dadurch lassen sich verschiedene Wege vergleichen und die Anforderungen, Vor- und Nachteile diskutieren. 
Das Tool «Wege zur Integration» wurde als Webapplikation umgesetzt. Login wird keines benötigt, die erfassten Daten werden lokal gespeichert.

Neue Wege können frei oder aus Vorlagen angelegt werden. Die einzelnen Schritte sind thematisch gruppiert und beinhalten vordefinierte Kategorien. Ist ein Schritt auf dem Weg beispielsweise eine Berufliche Grundausbildung, kann zwischen Schnuppereinsatz, Vorlehre, EBA, EFZ oder Berufsmatura ausgewählt werden. Die einzelnen Schritte lassen sich per Drag & Drop verschieben und mit Beschreibungen und Daten ergänzen.

Zur besseren Visualisierung und Wiedererkennung werden die Illustrationen aus der Integrationslandschaft auch im Tool «Wege zur Integration» aufgenommen. Das Tool soll - im Sinne der durchgehenden Fallführung - ein Hilfsmittel sein, das die involvierten Personen langfristig über mehrere Jahre hinweg begleitet.

Wege zur Integration - exemplarischer Weg von Ramira mit 2 Stationen
Wege zur Integration - neue Station hinzufügen
Wege zur Integration - Station Studium

«Hier stehe ich»

Mit Hilfe eines digitalen Fragebogens können geflüchtete Personen eine persönliche Standortbestimmung zu ihrer sozialen Integration vornehmen. Diese Einschätzung hilft dabei, Themen zu identifizieren, die mit der zuständigen Fachperson besprochen werden können und dient als Grundlage für die Formulierung von Zielen und Anliegen.

Der Fragebogen wurde vorerst als Prototyp mit Figma umgesetzt und dient der Illustration, wie die persönliche Einschätzung erfolgen könnte.

Hier stehe ich: Start Fragebogen für persönliche Standortbestimmung
Frage 1 aus dem Fragebogen: Wie wohl fühlst du dich in deiner Wohnung?

«Geflüchtete erzählen» und «So funktioniert's»

In Videoportraits teilen geflüchtete Menschen ihre Erfahrungen und geben als gut informierte Peers Tipps weiter, um Hürden auf dem Weg zur Integration zu meistern. Dadurch können andere Menschen Einblicke in verschiedene Integrationswege erhalten und vom Wissen und den Erfahrungen anderer profitieren. Für den aktuellen Prototyp kommen hier KI-generierte Videoportraits zum Einsatz. 

Ausserdem stehen Informationen zu Lebensthemen und deren Stellenwert für die Integration zur Verfügung, sowohl als Text als auch als Audio und in allen relevanten Sprachen. Dies soll den geflüchteten Personen helfen, sich selbständig mit den Lebensbereichen, in denen Integration stattfindet, auseinanderzusetzen.

Geflüchtete erzählen: Amir Kaya
Geflüchtete erzählen: Amir Kaya, Video mit KI generiert
So funktioniert's: Erklärung, wie eine Berufslehre in der Schweiz funktioniert

Weitere Materialien

Zusätzliche (Print) Materialien ergänzen die Arbeitsinstrumente des Kompass Integration. Das Angebot wird auf einem kompakten Flyer beschrieben und zugänglich gemacht. Coaching Karten dienen als weiteres Hilfsmittel, das in Beratungsgesprächen zur Veranschaulichung und besseren Verständigung eingesetzt werden kann.

Flyer rund um den Kompass Integration
Coachingkarten als Arbeitsinstrument des Kompass Integration
Flyer und Coaching Karten für Beratungsgespräche

Wie geht es weiter?

Kürzlich wurden die Prototypen der verschiedenen Arbeitsinstrumente in der Praxis ausprobiert – von fallführenden Personen und Klient*innen. Das ganze «Päckli» an Tools wurde getestet und die Feedbacks dazu gesammelt. Dabei zeichnet sich ein positives Bild: Der Kompass Integration wird als nützliches und intuitives Werkzeug wahrgenommen, das Orientierung schafft und die Zusammenarbeit erleichtert.

Auf Basis dieser Erkenntnisse werden die Tools künftig weiter verfeinert und im Detail ausgearbeitet. Ziel ist es, die erprobten Ideen zu einem stabilen, alltagstauglichen Produkt auszubauen, das die Integrationsarbeit nachhaltig unterstützt.

Parallel dazu laufen Gespräche mit verschiedenen kantonalen Stellen, um weitere Kantone ins Projekt einzubeziehen. Eine breitere Einführung des Kompass Integration würde neue Möglichkeiten für den fachlichen Austausch schaffen – darüber, wie die Instrumente eingesetzt werden und was gute Fallführung ausmacht. So entwickelt sich der Kompass Integration Schritt für Schritt von einem vielversprechenden Prototypen zu einem wirkungsvollen Werkzeug für Integrationsprozesse. 

Durch kollaborative Prozesse entstehen (digitale) Produkte, die das Leben vereinfachen

Unser Anspruch ist es stets, die Endnutzer*innen eines digitalen Produktes ins Zentrum zu stellen und so gut wie möglich in den Entstehungsprozess zu integrieren. Nur so gelingt es, Tools zu schaffen, die den Nutzenden tatsächlich Mehrwerte bringen. 
Kompass Integration ist dafür ein exemplarisches Projekt und es freut uns entsprechend sehr, dass wir Teil des interdisziplinären Projektteams sein dürfen. 

Mehrere Faktoren trugen im bisherigen Projektverlauf dazu bei, dass Arbeitsinstrumente entstehen, die sowohl für Fallführende als auch für Klient*innen nachvollziehbar und hilfreich sind. Das Projekt Kompass Integration war nicht von Anfang an fertig gedacht, sondern ein bewusstes Ausprobieren. Durch kollaborative Workshops, frühe Prototypen und Testings wurde klar, was für die Endnutzer*innen hilfreich ist und welche anfänglichen Annahmen verworfen oder korrigiert werden mussten. Der Wert des kollaborativen und iterativen Prozesses wurde deutlich spürbar. 

Auch, dass das Projekt von Fachpersonen, die selbst in der Integrationsarbeit tätig waren, initiiert wurde und nicht «top down» aus der Verwaltung kam, hat geholfen, die Nähe zur Realität der Fallführung zu bewahren.

Trotzdem gilt es zu beachten, dass der Kompass Integration zukünftig kantonsübergreifend eingesetzt werden soll. Entsprechend wird man den verschiedenen Anforderungen, Wünschen und Erwartungen der Kantone Rechnung tragen müssen - eine Herausforderung und Komplexität, die es nicht zu unterschätzen gilt. Wir sind jedoch überzeugt, dass es einen Weg geben wird, die Tools so zu gestalten, dass sie einerseits genügend Orientierung bieten und andererseits genügend Spielraum für unterschiedliche Kontexte lassen.

Wir teilen Einblicke in dieses Projekt, weil wir überzeugt sind, dass digitale Lösungen - insbesondere im sozialen Bereich -  nur dann Wirkung entfalten, wenn sie gemeinsam mit den Menschen entstehen, die sie anwenden und wenn der Weg dorthin transparent ist. Das Projekt Kompass Integration ist für uns ein gutes Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn zugehört, ausprobiert und schrittweise verbessert wird.